Was sind Yamas und Niyamas?

Dieser Aufsatz „Was sind Yamas und Niyamas? Welche Bedeutung haben sie in meinem Leben?“ entstand im Herbst 2012 als Bestandteil für die Bewerbung zur Yogalehrerausbildung.

Herkunft und Kontext

Yamas sind Regeln im Umgang gegenüber anderen Lebewesen, die Niyamas sind Regeln zum Umgang mit sich selbst. Im vorliegenden Text wird auf Yamas und Niyamas Bezug genommen, wie sie in den acht Aspekten („ashtanga“) in der Yoga Sutra von Maharishi Patanjali etwa im Jahr 200 n. Chr. [GF] gesammelt und aufgeschrieben wurden. Die je fünf Regeln im Umgang mit anderen und mit sich bilden die Basis für alle weiteren Bemühungen auf dem achtfachen Pfad. Die Yamas und Niyamas werden in Kapitel 2, Sadhana-Pada, „Über die Praxis“, in Satz 29 erwähnt:

yama-niyama-āsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayaḥ aṣṭau-aṅgāni [PH]

„Restraints, observances, posture, extending the breath, withdrawal from the senses, concentration, meditation and integration are the eight limbs.“ [PH]

oder in einer zeitgenössisch freieren Übersetzung:

 „Achtung gegenüber Deinen Mitmenschen und gegenüber Dir selbst, Harmonie mit Deinem Körper, Deiner Energie, Deinen Emotionen und Deinen Gedanken, schließlich Versenkung und Ekstase, sind die Glieder des achtfachen Pfades.“ [RS]

Die Yamas und Niyamas beschreiben das ethische System des Yoga und die förderlichen persönlichen Tugenden zur Umsetzung des ethischen Systems im Yoga.

Yamas

In Satz 30 werden die Yamas aufgezählt:

ahiṃsā-satya-asteya-brahmacarya-aparigrahāḥ yamāḥ [PH]

 „Non-harming, truthfulness, non-stealing, continence and non-grasping are the restraints.“ [PH]

 „Nicht verletzen, Wahrhaftigkeit, nicht stehlen, handeln im Bewusstsein eines höheren Ideals und Unbestechlichkeit, begründet die Achtung gegenüber den Mitmenschen [1].“ [RS]

Ahiṃsā, das Nicht-Verletzen, oder die Gewaltlosigkeit, bezieht sich sowohl auf das Denken, denn jeder Gedanke hat Folgen [2], als auch auf jegliches Handeln, insbesondere also auch aufs Sprechen. Nach meinem Verständnis bezieht der Adept das Prinzip der Gewaltlosigkeit mit Vorteil auf alle Wesen, nicht nur Mitmenschen, und stellt die Gewaltlosigkeit im Falle eines Konflikts mit anderen, nachfolgenden Prinzipien über diese [3].

Aus der konsequenten Anwendung des Gewaltlosigkeitsprinzips begründen sich in meinen Augen auch Kriegsverbot und Vegetarismus, sowie die Pflicht zum ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt. Wie verhält es sich nun mit der Notwehr? Wird der Mensch angegriffen, verteidige er sich, indem er die Energie des Aggressors auf diesen zurücklenkt, und nur in dem Masse, das ausreicht, diesen abzuwehren, und möglichst ohne ihm zu schaden.

Im Alltag liegt die grössere Herausforderung, Gewaltlosigkeit zu leben, für mich und vielleicht auch viele andere darin, gewaltfrei zu kommunizieren und sich friedlich zu verhalten. Dies bedeutet für mich, aus einem Zustand von Empathie und Achtsamkeit zu ahnen, was vom anderen als Gewalt im weiteren Sinne empfunden wird, und dann auf ebendiese Worte oder ebendieses Verhalten zu verzichten. Natürlich gelingt mir dies nicht immer und in vollem Umfang, was ich an den beobachteten Auswirkungen feststellen kann. Gewaltfreie Kommunikation in Wort und Tat ist lernbar, doch Verhaltensänderungen brauchen Zeit und aufmerksame Übung, möglicherweise ein Leben lang. Genau dafür ist der Alltag gut: er bietet eine Fülle von Möglichkeiten zu üben.

Satya, die Wahrhaftigkeit, bedeutet reden und handeln in Wahrheit [4]. Auf den ersten Blick eine bekannte, klare Regel, zu der wir uns alle gern bekennen. Ohne Wahrhaftigkeit gibt es kein Vertrauen in einer Beziehung. Wo Vertrauen hingegen gegeben und gerechtfertigt ist, können Individuen energetisch optimal interagieren, und daraus ergibt sich der Nutzen für den modernen homo oeconomicus.

Auf den zweiten Blick gibt es wohl kein anderes ethisches Prinzip, dessen Einhaltung für einen selbst so schwierig (Wie ehrlich bin ich mir selbst gegenüber? Oder mache ich mir gerade mal wieder etwas vor?), und für die anderen so nicht beurteilbar ist wie die Wahrhaftigkeit. Allein begrifflich öffnen sich zahlreiche Hintertüren: wir kennen die Notlüge, den Schwindel, die List. All dies sind mutwillige Umgehungen der Wahrhaftigkeit nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“. Wir kennen das Phänomen der Verdrängung, ein Selbstschutzmechanismus bei subjektiv (zu) schwer empfundener Schuld.

Wir sind daran gewöhnt, dass Exponenten in unserer Gesellschaft sich nicht an die Wahrheit zu halten scheinen: Politikern, Statistikern und Medienschaffenden wird gemeinhin ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit unterstellt, und wir fragen uns: „glauben sie sich eigentlich selbst?“ Die Verunsicherung reicht weiter: zu jeder wissenschaftlichen Studie scheint es heute eine Gegenstudie zu geben, je nach Interessenlage der Auftraggeber – sind Wissenschaftler noch glaubwürdig? Die Kirche ist es ja schon lange nicht mehr.

Die Versuchungen, andere zu belügen, sind gross und häufig. Ein nicht wahrhaftiges Handeln wird im Zeitalter volatiler Medien wie dem Internet meist gar nicht entdeckt. Wo heute 30 „schwarz auf weiss“ steht, stand vielleicht gestern 24. Wer kann das schon beweisen? Und selbst wenn wir es könnten: da die Wahrhaftigkeit immer nur aus der Sicht des Subjekts berurteilbar ist, müssen wir uns hüten, andere zu bezichtigen [5].

Hinzu kommt: jegliche Kommunikation ist potenziell auf mehreren Ebenen missverständlich [ST]. Zu den Fallstricken gehören die Interpretation im kulturellen Kontext, die Unklarheit über die Gewichtung der vier verschiedenen Nachrichtenaspekte Inhalt, Beziehung, Selbstoffenbarung, Appell, sowie semantische Unschärfen: was bedeutet es für den Sender, wenn er „mein Hotel“ sagt? Besitzt er das Hotel, ist er der Bauherr, der Architekt oder ist er dort einfach nur gern zu Gast?

Asteya, Nicht-Stehlen. [GF] argumentiert, dass das Nicht-Stehlen aus ethischer Sicht nichts Neues bringt, da es bereits durch die Gewaltlosigkeit impliziert wird. Da stimme ich zu. Trotzdem wird es als eines von fünf Prinzipien erwähnt. Welchen Unterschied also macht die Existenz dieser Regel? Sie manifestiert damit innerhalb des ethischen Systems ein Recht auf Eigentum, privat und gemeinschaftlich, das ja nicht naturgegeben ist – was besitzt ein Vogel? –, sondern ein Konstrukt ist im Zusammenleben vieler, aber nicht aller Gesellschaften.

Brahmacarya, in der wörtlichen Übersetzung „Wandeln im Bewusstsein eines höheren Ideals“, wird auf sehr unterschiedliche Weise verstanden. Das Spektrum reicht von der sexuellen Enthaltsamkeit im klassischen Zölibatsbegriff bis zu der oben zitierten Auslegung, dass wir uns einfach in allem Tun und Lassen dem göttlichen Ideal verpflichten.

Im Minimum bedeutet es aus meiner Sicht, mit dem Energiepotenzial, das wir im Umgang mit uns selbst und anderen entwickeln und freisetzen, so bewusst und achtsam wie möglich umgehen. Für die sexuelle Energie gilt dies (natürlich) in besonderem Masse. Sie ist leicht zugänglich, häufig sehr stark, oft verführerisch, wirkt unmittelbar, ist aber meist erst mit Übung kontrollierbar – weswegen ein entsprechender Verhaltenskodex in den bekannten ethischen Systemen nicht fehlt. Ob diese Energie nährend, erhaltend oder zerstörend wirkt, bestimmen wir selbst, auch wenn uns dies keineswegs immer bewusst ist oder gar gefällt.

Aparigraha, die Begierdelosigkeit oder Unbestechlichkeit. Die Bestechlichkeit z.B. von Amtsinhabern gilt in unserer Kultur als verpönt, und bei Übertretungen werden in der Öffentlichkeit gerne Exempel statuiert. Doch sind wir selbst immer so frei von den Versuchungen der Vorteilnahme? Ein jeder entscheide selbst.

Sicher scheint mir, dass der Schlüssel zum Frieden mit der eigenen materiellen Existenz darin liegt, mit immer weniger zufrieden zu sein. Statt Energie einzusetzen, mehr zu erlangen, bekommt es uns besser, wenn wir lernen, uns mit weniger zu bescheiden. Wer glaubt, das Glück liege im „Mehr“, bleibt im Hamsterrad des Konsums gefangen. Die Zahl der unglücklichen Lottomillionäre oder verelendeten Rockstars ist Legion, und sollte hinreichend belegen, wie falsch wir liegen, wenn wir uns Sorgenfreiheit durch Geld erhoffen. Mein Held ist der Grimm’sche „Hans im Glück“, und das Motto lautet – in Anlehnung an [EF] – „sein statt haben“.

Im Zeitalter der Globalisierung rückt immer mehr in unser Bewusstsein, dass natürliche Ressourcen endlich und ungleich zugänglich sind. Trotzdem verspüren wir kaum Scham, wenn wir im wohlig geheizten Zimmer am gedeckten Tisch sitzend, im Fernsehen anderen beim Hungern zusehen. Ist es etwa unser Erbrecht andere auszubeuten? „The things you take for granted someone else is praying for,“ heisst es. In der ungleichen Zugänglichkeit und im ungleichen Verbrauch – bis hin zur sinnlosen Verschwendung – unserer globalen Ressourcen liegt ein riesiges Konfliktpotenzial auf unserem Planeten. Wir dürfen gespannt sein auf die Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Bindung

Nach meinem Veständnis sind die Yamas keine von einer hierarchisch höheren (= nicht hinterfragbaren) Instanz vorgegebenen Axiome. Ich verstehe die Sätze in der Yoga Sutra als eine Beschreibung dessen, was der Autor und Herausgeber Patanjali als wahr erkannt hat [6]. Eine Sammlung von Weisheiten oder Aphorismen, also geronnene Erfahrung von Menschen.

Natürlich steht dem Menschen zu Beginn seines beständigen Wanderns dieser Erfahrungsschatz zunächst nicht aus eigenem Erleben zur Verfügung, und so muss er hier ein bisschen auf die Altvorderen vertrauen, wenn er sich diesem ethischen System anschliesst. Mit dem Verstand leicht zu erschliessen sind die positiven Wirkungen des durch die Regeln erzeugten Verhaltens. Was hingegen schwieriger beurteilbar ist, ist die Vollständigkeit des Regelsatzes: reichen diese Regeln bereits aus [7]? Einen praktischen Vorteil hat die Begrenzung auf nur fünf Regeln gewiss: das Kurzzeitgedächtnis der meisten Menschen fasst eh nur bis zu sieben Objekte.

Im Satz 31 folgt die „Gebrauchsanleitung“ oder der Hinweis zur Bindung:

jāti-deśa-kāla-samaya-anavacchinnāḥ sārva-bhaumāḥ mahā-vratam [PH]

„When not bound by state of life, place, time or circumstance, in all levels, they are a great vow.“ [PH]

„Ohne Unterscheidung von sozialer Schicht, Ort, Zeit und Situation in allen Bereichen diese Achtung gegenüber den Mitmenschen einzuhalten, ist eine große Tugend [8].“ [RS]

Jeder Mensch ist also frei, sich diesen Tugenden zu verpflichten – oder auch nicht [9]. Bekannterweise erzeugt die Selbstverpflichtung eine um vieles höhere Bindungskraft als eine oktroyierte Verpflichtung. Die Form der Selbstverpflichtung beantwortet implizit auch gleich zwei weitere wichtige Fragen: wer kontrolliert und wer vergibt im Falle von Abweichungen? In beiden Fällen der, der sich verpflichtet hat. Der Adept weiss – mit dem Mittel kritischer Introspektion, siehe Niyamas weiter unten, selbst am besten, wie gut er sich an seine Vorsätze hält. Er ist sein aufmerksamster Zeuge. Er ist zugleich sein strengster Richter, und kann das Mass sowie die Auswirkungen seiner Abweichung und die sinnvollen Folgemassnahmen am zutreffendsten beurteilen. Auch ist er selbst sein bester Freund. Um zu gesunden und zu wachsen, muss er sich selbst vergeben (können).

Niyamas

Niyama, die (Selbst-)Beherrschung, umfasst folgende fünf Regeln (Satz 32):

śauca-saṃtoṣa-tapaḥ svādhyāya-īśvara-praṇidhānāni niyamāḥ [PH]

„Self-purification, satisfaction, self-discipline, sacred study and dedication to the divine are the observances.“ [PH]

 „Sauberkeit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Lernen von sich selbst und Annehmen seines Schicksals, das macht die Achtung vor sich selbst aus.“ [RS]

Die Niyamas beschreiben Geisteshaltung und Tun, um achtsam mit uns selbst umzugehen und die so eine gute Voraussetzung für ein erfüllendes Leben sind, und gleichzeitig mit der „Hoffnung auf Gnade“ [GF] verbunden sind.

Shauca, die Reinheit des Körpers und des Geistes. Die Reinheit des Körpers fördert seine Gesundheit, und bietet damit die beste Voraussetzung, dass er uns eher Freude denn Last ist. Die Reinheit des Geistes bedeutet, verantwortungsvoll und aktiv zu entscheiden, mit welchen Inhalten und in welcher Form wir unsere Zeit, und schlussendlich unser Leben verbringen. Unzweifelhaft hat dies einen Effekt auf unser Wohlbefinden, ebenso wie auf unsere Wahrnehmung von der Realität.

Samtosha, die Zufriedenheit, bedeutet zu sehen, was ist, anzunehmen, was ist, und zufrieden zu sein mit dem, was ist. Ein Schlüssel um Zufriedenheit zu erlangen, ist Gleichmut. Gleichmut zu bewahren in Situationen von (scheinbarem) Erfolg oder Misserfolg, von Freud oder Leid, gelingt uns um so besser, je mehr wir aus dem Zeugenstand beobachten, und je weniger wir werten und uns identifizieren. In einer Haltung des Gleichmuts erkennen wir vielleicht die Niederlage, die dem Erfolg innewohnt, und den Sieg, der im Misserfolg enthalten ist. Gleichmut ebnet den Weg zur Aufhebung der Dualität. Nur wenn wir annehmen, was ist, flieht der Geist nicht in die Vergangenheit, die nicht ist, oder eine Zukunft, die nicht ist. So ist in Verbindung mit stetem Üben ein Ankommen im Augenblick, hier und jetzt, überhaupt erst möglich.

Tapas, die Selbstdisziplin [10]. Fürs Voranschreiten braucht es regelmässiges und häufiges, idealerweise ununterbrochenes Üben. Das weiss der Verstand. Doch egal ob wir viel oder wenig Zeit zum Üben haben – es gibt immer Ausreden, warum wir gerade jetzt nicht üben. Denn nicht alle Aspekte des Übens sind angenehm. Leider gibt keinen Vorratsbehälter, in dem wir das Üben ansammeln könnten, und so braucht es Selbstdisziplin, um die Trägheit zu überwinden, immer und immer wieder. Gelingt es uns, dürfen wir sowohl glücklich über unsere Pflichterfüllung sein, als auch die Effekte des Übens geniessen.

Svadhyaya, das Selbststudium (wörtlich „eigenes Hineingehen“). Während [PH] und [GF] dies als persönliche Versenkung in den verborgenen Sinn der (heiligen) Schriften interpretieren: „ich selbst studiere“, kommt [RS] auch ohne die Schriften aus: „ich studiere mich selbst“. Beide Interpretationen führen interessanterweise zum Ziel, denn sowohl in den Schriften als auch in uns selbst manifestiert sich das Göttliche, das es zu erkennen es gilt. Meine Interpretation ist darum: beides stimmt, und vermutlich ist eine Mischung aus beidem, aus dem Studium der Schriften und aus der Introspektion, der Königsweg, da wir durch die Verbindung von Perspektivenwechsel und Reflexion ein tieferes Verständnis erwerben können.

Ishvara-Pranidhana, die Verehrung des Göttlichen [PH], [GF] oder das Annehmen des eigenen Schicksals [RS]. Erneut divergieren meine Quellen anfänglich bei der Deutung des Begriffs. Sie treffen sich wohl wieder in dieser Beschreibung von [GF], was beim Ausüben dieser Tugend geschieht: „Die Verehrung Gottes öffnet das Herz für das transzendente Sein, das für den unerleuchteten Einzelnen vielleicht als objektive Realität und Macht figuriert, für den yogin jedoch, nach seine Erleuchtung, sich enthüllt als dasjenige, was mit dem eigenen transzendenten Selbst identisch ist.“

Praxistipp

Satz 33 gibt einen Hinweis auf die praktische Umsetzung dieser Tugenden:

vitarka-bādhane pratipakṣa-bhāvanam [PH]

„When oppressed by negative reasoning cultivate the opposite side.“ [PH]

„Unsicherheit bei der Umsetzung kann durch Ausrichtung auf das Gegenteil überwunden werden.“ [RS]

Wenn man also einen negativen Gedanken hat, oder gar eine Kette negativer Gedanken, und dies feststellt, so kann man in genau diesem Moment die Kette brechen, indem man den oder die entgegenwirkenden, positiven Gedanken fasst. Dies ist die Kraft des positiven Denkens, oder – wie einer meiner Lehrer einst formulierte – „ersetze ein Ding durch sein Gegenteil, und schon schwindet die Illusion“.

Nachdruck

Satz 34 geht noch einmal auf die Gewaltlosigkeit ein. Er beschreibt zunächst die starken negativen Folgen, wenn diese erste der Regeln im Denken nicht beachtet wird, und stellt unmissverständlich fest, dass weder Rolle, Motiv noch Ausmass eine Ausnahme rechtfertigen:

vitarkāḥ hiṃsā-ādayaḥ kṛta-kāritā-anumoditāḥ lobha-krodha-moha-pūrvakāḥ mṛdu-madhya-adhimātrāḥ duḥkha-ajñāna-ananta-phalāḥ iti pratipakṣa-bhāvanam [PH]

„Negative reasoning such as harming and the rest; may be done, brought about, or by approval; is preceded by greed, anger or delusion; may be mild, moderate or intense; its endless fruits are suffering and ignorance; thus cultivate the opposite side.“ [PH]

„Gedanken der Gewalt führen zu endlosem Leid und Unwissenheit. Dabei ist es egal, ob ich der Täter, Auftraggeber oder Anstifter bin, ob Gier, Ärger oder Verblendung zugrunde liegen oder ob eine Handlung klein, mittelmäßig oder übermäßig ist. Deshalb hilft die Ausrichtung auf das Gegenteil. “ [RS]

Eine derartige Klarstellung wird für die anderen neun Regeln nicht gegeben, was ein weiteres Indiz für die herausragende Stellung von ahimsa ist.

Früchte und Massstab

Für die Gewaltlosigkeit und alle weiteren Regeln werden sodann in den Sätzen 35 bis 45 die Effekte (oder gar Segnung?), des normkonformen Verhaltens beschrieben. Da das hingebungsvolle, absichtslose Handeln nicht auf die Früchte schielt – dies nährt nur das zu überwindende Ego – kann man diese Sätze auch als Massstab verstehen, anhand dessen das eigene Fortschreiten beim alltäglichen Üben der Yamas und Niyamas überprüft werden kann. Dazu drei Beispiele:

Bei Einhaltung des Prinzips Gewaltlosigkeit ist der beobachtbare Effekt die Abwesenheit von Streit und Feindseligkeit. Ich kann mich also fragen „In welchem Masse lebe ich in Harmonie mit meinem Umfeld?“ Stelle ich fest, dass ich mein Umfeld als eher disharmonisch empfinde, ist es wohl an der Zeit, meine Einstellung zur Gewaltlosigkeit und meine Konsequenz in der Umsetzung, Denken und Handeln, etwas genauer zu betrachten.

Wahrhaftigkeit erzeugt gutes Gelingen. Die Fragen zur Selbstkontrolle können lauten: In welchem Masse sind meine alltäglichen und meine ausserordentlichen Bemühungen erfolgreich? Erreiche ich meine Ziele mit Leichtigkeit, mit Anstrengung oder selten bis nie?

Nicht-Stehlen zieht Wohlstand nach sich. Mögliche Fragen zur Selbstkontrolle lauten: In welchem Masse beschäftigen mich Sorgen um die Sicherung meiner Existenz? Empfinde ich die Tätigkeit zur materiellen Sicherung meiner Existenz eher als mühevolle Tortur oder ist die materielle Absicherung eher eine Begleiterscheinung eines an sich freudvollen Tuns?

Vergleich

„Die Ethik ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es geht ihr nicht um ein Wissen um seiner selbst willen, sondern um eine verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen […] Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien guten Handelns oder ethischen Urteilens überhaupt […] begründen. Die Anwendung dieser Prinzipien auf den einzelnen Fall ist im Allgemeinen nicht durch sie leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten Gewissens.“ [WI]

Die einfachste und klassische Formulierung einer Frage, die eine Ethik zu beantworten hat, stammt von Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“ [WI]. Unmittelbare Klarheit in der Auslegung [11], Konfliktfreiheit der Regeln untereinander und Vollständigkeit des Regelsatzes sind demnach Eigenschaften, die ein ethisches System erst praktisch nutzbar machen.

Um besser erkennen zu können, welche Qualitäten das yogische Ethiksystem der Yamas und Niyamas aus meiner Sicht hat, vergleiche ich es mit einem anderen bekannten Ethiksystem, dem Dekalog [12].

Zunächst zur bereits oben angesprochene Bindungsform. Die zehn Gebote sind kein Bündnis unter Gleichen, sondern haben den Charakter eines Vertrages zwischen einem höheren Wesen zu seinem (= auserwählten) Volk. Durch die Einhaltung der Gebote begründet sich die besondere Stellung des Volkes, des auserwählten Volkes. Bei Nichteinhaltung droht Entlassung aus dem Bündnis. Aus dieser stark assymetrischen Beziehung erklärt sich auch die sprachliche Form der Gebote, „du wirst…“ bzw. „du sollst…“. Hier spricht – nach der Metaphorik der Transaktionsanalyse von Eric Berne [WI] – ein Eltern-Ich zu einem Kindheits-Ich bzw. ein Vater zu seinen Kindern. Im yogischen Ethiksystem ist der sich selbst verpflichtenden „Vertragspartner“ hingegen ein gleichwertiger, erwachsener Mensch.

Welche inhaltlichen Entsprechungen gibt es? In den ersten drei Gebote, dem Fremdgötterverbot, dem Bildverbot und dem Namensmissbrauchsgebot und in gewisser Weise auch im vierten, dem Sabbatgebot, stellt sich der Sprechende, JHWH, erst einmal selbst in den Mittelpunkt. Auf mich wirkt dies wenig selbstbewusst, eifersüchtig (auf potenzielle andere Götter) und egozentrisch. Die Selbstbeschreibung dieses göttlichen Wesens zementiert ausserdem die Dualität unseres Daseins: Gott ist ein anderer, getrennt von uns, ausserhalb von uns zu suchen. Ausserhalb unserer selbst werden wir ihn m.E. aber nicht finden.

In den Yamas und Niyamas gibt es dazu keine direkte Entsprechung. Im yogischen Ethiksystem ist die Beschäftigung mit dem Göttlichen unter den Anleitungen zum Umgang mit uns selbst (!) aufgeführt, in den Niyamas svâdhyâya und îshvara-pranîdhâna. Im Geiste der Übersetzung von [RS] könnte man formulieren: erforsche dich selbst, und du wirst Gott finden. Eine freundliche, bestärkende Nachricht: Wir sind bereits vollkommen. Um die Vollkommenheit zu erkennen, brauchen wir nicht ausserhalb von uns zu suchen, es reicht, dass wir uns selber finden.

Zum Elterngebot gibt es ebenfalls keine Entsprechung. Während es für mich unbestritten ist, jedem Mitmenschen mit Respekt und Achtung zu begegnen, so hinterlässt dieses biblische Elterngebot doch ein Gschmäckle, da es in meinen Augen in erster Linie eine machterhaltenden Funktion hat, Hierarchie schafft und eigenständiges Denken und Entwicklung hemmt. Die zeitgenössische Variante im Alltag ist das Argument „Das haben wir hier immer schon so gemacht,“ mit dem jede Veränderung einer Organisation im Keim erstickt werden kann – wenn dieses Argument denn innerhalb der Organisation als legitim anerkannt ist [13].

Das sechste Gebot, das Mordverbot, ist weniger weitreichend als die an oberster Stelle stehende Gewaltlosigkeit. Dies aus mindestens drei Gründen: Erstens bezieht sich das Mordverbot nur auf andere Menschen, nicht auf alle Lebewesen [14]. Zweitens behandelt es nur Gewalt in ihrer physischen Extremform, nämlich mit Todesfolge. Drittens werden Ausnahmen in der Auslegung zugelassen, z.B. die Legitimation der Vertreter eines Staates im Krieg zu töten oder der Vertreter in der Exekutive zur Ausführung der Todesstrafe.

Auch das Ehebruchsverbot ist weniger umfassend als Brahmacarya, denn Ehebruch ist nur einer von vielen Aspekten.

Allein das biblische Diebstahlverbot und das Nicht-Stehlen, asteya, scheinen mir gleichwertig.

Der Dekalog verbietet im Falschzeugnisverbot über andere unwahr zu sprechen. Die Wahrhaftigkeit, satya, beinhaltet darüberhinaus auch die Forderung nach der Aufrichtigkeit beim Reden über Tatsachen, beim Handeln, und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber.

Das Begehrensverbot erwähnt materielles Eigentum (Haus, Rind, Esel, Feld) anderer. Frau, Sklave und Sklavin werden wie materielles Eigentum aufgelistet, was sie nach damaliger Auffassung wohl auch waren. Gemeingüter oder geistige Güter werden nicht erwähnt und sind darum nicht eingeschlossen. Aparigraha, die Begierdelosigkeit oder Unbestechlichkeit reicht, wie oben bereits ausgeführt, wesentlich weiter.

Fazit

Die Ethik des Yoga, ausformuliert in den fünf Yamas und fünf Niyamas, ist im Geiste erwachsener, erwachender und gleichberechtigter Wesen formuliert. In nur wenigen Sätzen gelingt es, eine schlüssige, tragfähige und umfassende Basis zu errichten, die das Zusammenleben der Wesen zum Wohle aller regelt, die Entwicklung der Wesen fördert und dem Individuum Klarheit zum gebotenen Tun gibt. Diese Konstruktion wirkt minimalistisch und in dieser Leichtigkeit ästhetisch. Der Adept erhält weitgehende Autonomie in seiner Entwicklung und damit auch die einhergehende Verantwortung für seine Entwicklung. Durch die Form der Selbstverpflichtung erzeugen die Regeln eine starke Bindung.

Wir können nicht von uns und schon gar nicht von anderen erwarten, dass wir makellos in unserer Praxis sind. Wir können jedoch von uns selbst erwarten, dass wir immer unser bestes geben, und üben, üben, üben. Diesem Tun bin ich verpflichtet. Alles weitere ist Gnade.

Quellen

EF Haben oder Sein; Erich Fromm; dtv, München, 1979

GF Die Yoga Tradition; Georg Feuerstein; Yoga Verlags GmbH, Wiggensbach, 2008

PH Centre for Yoga Studies; Paul Harvey; www.yogastudies.org

RS Internationale Infoseite für Ashtanga Yoga; Ronald Steiner und Team; www.ashtanga.info

ST Miteinander reden, Band 1-3; Friedemann Schulz von Thun; Rowohlt, Reinbek, 1981

WI Wikipedia; de.wikipedia.org

Fussnoten

1 Ich stimme der Übersetzung bei [RS] nicht zu, wo diese Regeln nur im Umgang gegenüber Mitmenschen eingefordert wird. Diese Formulierung trennt Geschöpfe unnötigerweise in solche, gegenüber denen Gewaltlosigkeit geboten ist und eben andere. Wofür wäre diese Trennung hilfreich, wo ein Ziel des Übens doch die Überwindung aller Trennungen ist? Eine umfassende Praxis schliesst m.E. den respektvollen Umgang mit allen Lebewesen, und genaugenommen sogar mit allen Wesen ein, also auch den nichtlebenden.

2 Satz 34 befasst sich explizit mit der Beachtung der Gewaltlosigkeit im Denken.

3 Bekanntes Beispiel für einen Regelkonflikt ist die „verletzende Wahrheit“. Hier ist das Schweigen, und damit das gewaltlose Handeln, dem Aussprechen der Wahrheit vorzuziehen.

4 Wahrhaftigkeit bezeichnet das subjektive „Für-Wahr-Halten“ der eigenen Aussage in einem konkreten Kontext [WI].

5 „Wer es unternimmt, auf dem Gebiet der Wahrheit und der Erkenntnis als Autorität aufzutreten, scheitert am Gelächter der Götter.“ Albert Einstein

6 Siehe auch den abschliessenden Satz in Kapitel 2: „Thus Patañjali’s view of Yoga in the section on the Means to accomplish.“ [PH]

7 In späteren Yogaschriften werden fünf weitere Moralvorschriften angeführt: Mitgefühl (dayâ), Aufrichtigkeit (ârjava) oder moralische Integrität; Geduldigkeit (kshamâ) bzw. die Fähigkeit im Zeugenbewusstsein zu verbleiben, Beständigkeit (dhriti) und schliesslich karg-einfache Ernährung (mita-âhâra) [GF]. Diese werden hier nicht weiter betrachtet.

8 vrata: Gelübde, Tugend, Ritual, Vorsatz

9 Dies im Gegensatz z.B. zu einem Gesetz, dem man als Bürger automatisch unterworfen ist, sobald man in die entsprechenden Staatsbürgerschaft hineingeboren wird, oder zu den Geboten einer Religionsgemeinschaft, in die ein Mensch kraft Taufe aufgenommen wird, ehe er oder sie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung erlangt hat. Unter anderem aus diesem Grund wird in den meisten Religionen vom heranwachsenden Mitglied eine Bestätigung der Verpflichtung erwartet, z.B. Kommunion, Konfirmation.

10 Tapas wird gelegentlich auch mit Askese übersetzt. Da Askese als „Selbstdisziplin ohne die Berücksichtigung elementarer Bedürfnisse“ [WI] defniert ist, ist diese Übersetzung nach meinem Verständnis nicht im Sinne des Yoga.

11 Ein über einige Jahre ausgeführter Selbstversuch der Autorin, die minimalistische Ethik Thelema nach Aleister Crowley zu leben, erwies sich als ausgesprochen anstrengend und schlussendlich zu wenig praxistauglich. „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ (Liber AL vel Legis, 40) [WI] führt in jeder Entscheidungssituation auf die Frage „was will ich (wirklich)?“ zurück und in der Folge davon zu gründlichem Nachdenken, was auch ganz ok ist. Die Handlungsfähigkeit (was soll ich tun?) gerät jedoch ins Hintertreffen.

12 Der Dekalog oder die zehn Gebote entstammen dem hebräischen Tanach. Je nach Religionsrichtung unterscheiden sich die Gliederungen, z.B. durch eine Präambel/Selbstvorstellung JHWHs oder die Aufteilung des Begehrensverbots [WI]. In der hier gewählten Gliederung wird Bezug auf die Lehre der christlich reformierten Kirche genommen.

13 Lernende Organisationen vermeiden dieses Veränderungskillerargument aus gutem Grund.

14  Darum auch der Terminus „Mordverbot“. Bezöge sich das Gebot auf alle Lebewesen, würde es als „Tötungsverbot“ bezeichnet werden.